Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass ich auf meinen Fotos so gut wie nie fertige Kunstwerke zeige. Das hat einen ganz einfachen Grund: Wirklich hübsche Bilder, die man sich einrahmen und aufhängen möchte, entstehen bei uns kaum. Woran liegt das? Malt das Kunstkind so wenig oder so lustlos? Genau das Gegenteil ist der Fall. Meine Tochter entdeckt jeden Tag Neues und ist voller Engagement beim Malen, Zeichnen, Kleben und Formen dabei. Allerdings sind die Anregungen, die ich ihr zur künstlerischen Förderung anbiete, immer prozessorientiert gedacht. Was bedeutet das? Kurz gesagt könnte man Prozessorientierung in der Kunstpädagogik ungefähr so zusammenfassen:

  • Der Prozess des Gestaltens steht im Vordergrund. Es geht also vor allem um das Malen, Zeichnen oder Formen selbst. Die Tätigkeit an sich, der Weg, ist das Ziel. Wenn ich eine Kunstaktivität vorbereite, suche ich einige, wenige Materialien aus, die sich gut kombinieren lassen. Spricht ein Material meine Tochter an, experimentiert sie ganz automatisch wild darauf los. Ich lasse sie dann selbstbestimmt arbeiten wie und wie lange sie möchte. Nur wenn ein Kleinkind nach eigenen Vorstellungen experimentieren kann, macht es aus kunstpädagogischer Sicht wertvolle gestalterische und sinnliche Erfahrungen.
  • Ein hübsches Endprodukt wird nicht angestrebt. Genau genommen gibt es auch gar kein Motiv, das entstehen soll. Als Mama begleite ich eine Kunstaktivität zwar, mische mich aber so wenig wie möglich ein. Gerade bei Babys und Kleinkinder bleibt am Ende einer Kunstaktivität oft einfach braune Pampe auf dem Malgrund zurück. Das ist vollkommen ok.
  • Leistungsgedanken alle Art haben beim künstlerischen Arbeiten mit Kleinkindern nichts zu suchen. Es geht nicht vorwiegend darum, die Feinmotorik zu schulen, erstes Wissen über Farbtheorie zu vermitteln oder die fünf Sinne zu trainieren. Wichtig ist, dass ein Kleinkind entspannt und mit Spaß im praktischen Tun versinken kann. Im Flow werden die oben genannten Lernziele dann meist ganz nebenbei erreicht. Jede Form von Druck blockiert aber genau diesen Flow und hemmt längerfristig die Motivation des Babys oder Kleinkindes.

Nach der vielen Theorie jetzt zur Umsetzung. Alle Kunstaktivitäten auf meinem Blog sind prozessorientiert konzipiert. Schau gerne noch einmal hier, da oder dort vorbei, wenn du Anregungen suchst. Außerdem möchte ich dir im Folgenden eine Aktivität besonders ausführlich vorstellen, sodass du die prozessorientierte Herangehensweise am Beispiel nachvollziehen kannst.

Loading...

Ausgangspunkt der heutigen Aktivität war die aktuelle Jahreszeit. Bei der großen Hitze wollte ich meiner Tochter wieder etwas zum Thema Sommer anzubieten. Für gewöhnlich würde man da vielleicht an ein Ausmalbild von einem Eis oder ein Aquarell von einem Badesee denken. Was aber tun, wenn man Motive nicht gezielt anregen möchte? Ich ging von den Tätigkeiten und den Materialien aus. Bei den heißen Temperaturen schien mir eine Abkühlung angenehm. Deshalb legte ich Filzstifte in kühlen Farben bereit und ergänzte einige Bögen saugfähiges Aquarellpapier. Um das Ganze noch stärker mit den Sinnen erlebbar zu machen, stellte ich auch eine Schale mit Eiswürfeln auf das Materialtablett.

Das Kunstkind versuchte zunächst, mit den Stiften direkt auf das Eis zu zeichnen. Daran hatte ich gar nicht gedacht, ich ließ meine Tochter trotzdem einfach ausprobieren, was passieren würde. Nachdem das Bemalen der Würfel nicht richtig klappte, wechselte das Kunstkind. Es malte nun mit dem schmelzenden Eis Wasserspuren auf das Papier und zeichnete mit den Filzern ins Nasse. Dabei stellte das Kunstkind offenbar fest, wie es Gekritzel durch Schmelzwasser verlaufen lassen konnte. Schnell wurde noch ein Bogen Papier vollgekritzelt, um dann mit Eis abgerieben, gewässert und betropft zu werden.

Rückblickend ermöglichte das Material eigentlich drei kleine Experimente, auf die ich selbst so gar nicht gekommen wäre. Als wir am Abend beim Aufräumen die bearbeiteten Papiere einsammelten, war so gut wie nichts mehr darauf zu sehen. Das Eis hatte die Farbe fast vollständig ausgewaschen. Ich selbst war etwas enttäuscht. Zugegebenermaßen erwische ich mich leider doch immer wieder dabei, dass ich insgeheim auf großartige Werke hoffe. Die Leistungsgesellschaft hat mich manchmal wohl stärker in den Krallen, als es mir recht ist. Weil ich diese Prägung nicht an meine Tochter weitergeben möchte, beiße ich mir in solchen Momenten immer besonders fest auf die Zunge. Das Kunstkind störte sich übrigens überhaupt nicht an der Leere. Es bemalte die Bögen einfach in den folgenden Tagen wieder auf neue Weise. Manchmal denke ich mir, mein Kleinkind hat die Prozessorientierung besser verstanden als ich. Aus purer Freunde am Prozess zu arbeiten, scheint der Natur von jungen Kindern zu entsprechen, wir Erwachsene müssen es erst wieder neu lernen.

Malen mit Baby Notiz

Hinweis

Da die verwendeten Produkte im Artikel
empfohlen bzw. verlinkt sind, ist dieser
als Werbung zu betrachten.
Alle mit * gekennzeichneten Links führen
auf Partnerseiten (z.B. Amazon)